Tagelang schipperte das Rettungsschiff der Dresdner Hilfsorganisation Mission Lifeline rund 50 Kilometer vor der maltesischen Küste. Etwa 233 Migranten hat die „Lifeline“ vergangenen Donnerstag vor der Küste Libyens aufgenommen. Doch von tatsächlicher Rettung konnte bis heute nicht die Rede sein. Sowohl Italien als auch Malta verwehrten dem Seenotretter die Einfahrt in einen Hafen, machten das deutsche Rettungsschiff zum Spielball der fragilen europäischen Asyl-Politik.

Lediglich in die maltesischen Gewässer durfte das Schiff gestern vordringen, nachdem die Besatzung über die bedrohliche Wettersituation auf hoher See geklagt hatte. Viele der ohnehin schon sehr geschwächten Menschen an Bord seien seekrank, berichtete die Organisation via Twitter.

Am Mittwoch folgte endlich die Erlösung: Die „Lifeline“ darf in Malta anlegen.

Ich denke, dass das Schiff heute Abend unsere Küsten erreichen wird,

bestätigte Maltas Ministerpräsident Joseph Muscat die Entscheidung.

Seehofer stellt Bedingungen

Für eine mögliche Aufnahme der heute in Malta ankommenden Flüchtlinge in Deutschland nannte Horst Seehofer (CSU) bereits Bedingungen.  So müsse u.a. das Rettungsschiff  festgesetzt werden, um aus „Lifeline“-Geschichte keinen Präzedenzfall zu machen, sagte der Bundesinnenminister am Mittwoch in Berlin.

Krätze an Bord ausgebrochen

Die letzten Meldungen über die gesundheitlichen Zustände an Bord spitzten sich zu. Beobachtern zufolge ist die Krätze ausgebrochen.

Es muss für diese Menschen sofort eine Lösung geben,

forderte die Grünen-Abgeordnete Luise Amtsberg. Sie ist eine der deutschen Abgeordneten, die sich in der Nacht zu Montag ein Bild von der Lage auf der „Lifeline“ machten. Die Zustände beschrieb sie als „Horror“.

Es gibt hier medizinische Notfälle an Bord. Ein Mann hat Wasser in der Lunge, andere haben Knochenbrüche. Vor einigen Tagen ist eine Frau mit einem zehn Monate alten Säugling ins Koma gefallen – sie musste zurückgeholt werden,

so Amtsberg. Es dürfe nicht sein, dass der politische Streit in der EU als auch zwischen CDU und CSU dazu führe, dass Menschen in Lebensgefahr gerieten.

Kapitän Klaus-Peter Reisch erhielt seit Tagen keine Anweisungen mehr und beobachtet mit großer Sorge die Entwicklung auf dem Schiff.

Manche bestehen nur aus Haut und Knochen. Die Lage hier wird deutlich gefährlicher werden, deswegen muss diese Situation hier so schnell wie möglich beendet sein,

sagte er.

Deutsche Besatzung in Gefahr?

Auch Grünen-Parlamentarier Manuel Sarrazin ist auf der „Lifeline“ gewesen und geschockt von den menschenverachtenden Umständen.

Es besteht konkrete Gefahr auch für deutsche Staatsbürger,

so Sarrazin. Insgesamt 17 Besatzungsmitglieder aus Deutschland seien an Bord. Diese Verzögerungstaktik könne zur Folge haben, das die Lage „eskaliert“.

Es ist nicht das erste Rettungsschiff mit Flüchtlingen, dass vor den Häfen Europas vergeblich auf Einfahrt wartet. Erst kürzlich scheiterte die „Aquarius“ mit etwa 600 Menschen an Bord vor Italiens Küste und wurde schließlich von Spanien erlöst.

Doch auf Spanien konnte die „Lifeline“ dieses Mal nicht bauen. Wie der spanische Minister für öffentliche Arbeiten, José Luis Ábalos, am Montag in einem Interview mit dem spanischen Radiosender „Cadena Sersagte“ mitteilte, wolle sein Land zwar ein humanitäres Gesicht zeigen, aber nicht „zur maritimen Rettungsorganisation für ganz Europa zu werden“.

Das dänische Containerschiff „Alexander Maersk“ mit 113 Migranten an Bord durfte mittlerweile in Italien festmachen.