Wie du mir, so ich dir: Nachdem die britische Regierung 23 russische Diplomaten als Konsequenz aus dem Nervengift-Anschlag auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal des Landes verwiesen hat, antwortet nun Russland mit derselben Taktik. Moskau wolle schon „sehr bald“ britische Diplomaten nach Hause schicken, ließ der Kreml am Donnerstag verlauten. Außenminister Sergej Lawrow sagte gegenüber der Nachrichtenagentur RIA:

Man werde mit den Ausweisungen in Kürze beginnen.

Lawrow nannte Theresa Mays Anschuldigungen, Russland sei für den Fall Skripal verantwortlich „verrückt“.

Kalter Krieg im Sicherheitsrat?

Im UN-Sicherheitsrat saßen sich am Mittwochabend die Kontrahenten gegenüber und lieferten sich einen eiskalten Schlagabtausch. Die Positionen waren klar – und verhärtet. Vertreter Großbritanniens und seiner westlichen Verbündeten lieferten sich mit dem russischen Botschafter Wassili Nebensia ein Gefecht auf der internationalen Bühne. Einen Gewinner kann es dabei nicht geben.

Es ist das erste Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs, dass ein Nervengift in Europa eingesetzt wurde. Die Rücksichtslosigkeit ist ohne Worte,

brachte der niederländische Präsident des UN-Sicherheitsrates, Karel van Oosterom, die Lage auf den Punkt.

Die von Großbritannien eingeforderte Dringlichkeitssitzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stieß bei Russland auf Unverständnis. Russland bestand darauf, öffentlich zu reden. Man sei bereit für jede Untersuchung. Nichts habe man zu verbergen, nichts zu fürchten.

Warum zerrt Großbritannien diesen Fall in den Sicherheitsrat?,

fragte Nebensia.

Ist das nicht der Ort zu reden, an den sich Länder wenden, wenn es eine Bedrohung für den internationalen Frieden gibt, wenn ein Land angegriffen wird?,

konterte der britische Vertreter Jonathan Allen und erläuterte den Standpunkt seines Landes:

Basierend auf dem Wissen, dass Russland diesen Kampfstoff früher herstellte und in der Vergangenheit Auftragsmorde auf Ex-Spione ausführte, kommt meine Regierung zu dem Schluss, dass Russland sehr wahrscheinlich verantwortlich ist.

Diplomatie auf dünnem Eis

Bereits mit Verstreichen der britischen Forderung am Dienstagabend, Moskau solle sich bis Dienstagabend vor der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) zu dem Fall äußern, machte Russland deutlich, was es von Ultimaten hält.

Wir akzeptieren die Sprache von Ultimaten nicht und erlauben niemandem, so mit uns zu sprechen. Was glauben Sie? Nutzt so ein Vorfall Russland kurz vor Präsidentschaftswahlen und der Fußball-WM?

Es gebe keine Beweise, auch keine Unschuldsvermutung. Es falle ihm schwer, diplomatisch zu bleiben, so der russische UN-Botschafter. Dass Großbritannien Moskau ein 24-stündiges Ultimatum stellte, sich zu erklären, sei keiner Antwort wert.

Nebensia scheute sich nicht, die westlichen Anschuldigen mit fiktiver Kriminalliteratur à la Sherlock Holmes zu vergleichen. Allen antwortete mit einem Zitat von Wladimir Putins, der einst über Verräter und Spione gesagt haben soll, sie würden an den 30 Silberlingen für ihren Verrat ersticken.

Der Sicherheitsrat ist ratlos

Der Sicherheitsrat scheint sich angesichts der gegenseitigen Anschuldigungen in Schockstarre zu befinden.

Für die amerikanische UN-Botschafterin Nikki Haley besteht jedoch kein Zweifel. Russland ist für sie der Täter:

Die USA stehen in absoluter Solidarität zu Großbritannien. Wir glauben, Russland ist für den Einsatz eines militärischen Kampfstoffes verantwortlich.

Wenn man jetzt nicht sofort handele, werde der Anschlag in Salisbury nicht der letzte sein, warnte Haley.

Russische Diplomaten ausgewiesen 

In einer unerbittlichen Rede vor dem britischen Parlament hatte Premierministerin Theresa May eine Reihe von Sanktionen vorgestellt, die Russland für seinen „barbarischen Akt“ zu erwarten habe. Unter dem Vorwurf der Spionage-Tätigkeit müssen u.a. 23 russische Diplomaten Großbritannien binnen einer Woche verlassen. Die bilateralen Kontakte zu Russland sind damit vorläufig eingefroren.

Auch die bevorstehende WM in Russland ist von der Eiszeit zwischen dem Vereinigten Königreich und dem Gastgeberland betroffen. Weder Mitglieder der königlichen Familie noch Regierungsmitglieder dürfen die Fußball-WM in Russland besuchen. Doch das seien nur ein Teil der Maßnahmen. Weitere werden aus Gründen der nationalen Sicherheit nicht bekannt gegeben.

Zudem erhielt der russische Außenminister Sergej Lawrow eine Abfuhr. Ihm wurde eine Einladung nach Großbritannien kurzerhand entzogen.

Das russische Außenministerium wertete die von Premierministerin Theresa May verkündeten Sanktionen als „beispiellose grobe Provokation“ und kündigte eine baldige Antwort an.

May: Schamloser Angriff auf das Vereinigte Königreich

In einer Rede vor dem Parlament erhob die britische Premierministerin Theresa May zuletzt schwere Vorwürfe gegen Moskau:

Es ist höchstwahrscheinlich, dass Russland für diese Tat verantwortlich ist,

so May. Entweder hätten offizielle Stellen in Russland den Anschlag direkt in Auftrag gegeben oder ihn zumindest ermöglicht. Den Giftanschlag bezeichnete sie als:

willkürlichen und schamlosen Angriff auf das Vereinigte Königreich.

Die Premierministerin erinnerte daran, dass Russland eine Geschichte „staatlicher Auftragsmorde“ habe.

Sergej Skripal und seine Tochter wurden bewusstlos auf einer Bank im englischen Salisbury gefunden und liegen inzwischen im Koma. Insgesamt mussten sich 21 Menschen im Krankenhaus behandeln lassen.

Ermittlungen vor Ort haben sowohl in einem Pub als auch in einer Pizzeria Spuren einen Nervenkampfstoff Novichok nachgewiesen. Dort sollen sich Skripal und seine Tochter zuvor aufgehalten haben.